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Die Feuerreiter ihrer Majestät
(1 Stimme)
Geschrieben von Feanarth

Um die Feuerreiter-Reihe von Naomi Novik besser beschreiben zu können, muss man erst einmal etwas weiter ausholen und das Fantasy-Genre, dem dieses Buch ganz klar angehörig ist, näher durchleuchten. Unter dem Begriff „Fantasy“ hat sich mittlerweile ein Standard etabliert, der (nach Möglichkeit) mittelalterliche und sagenhafte Themen neu aufgreift und mit diversen namens­gebenden Fantasiegestalten und Szenarien kombiniert. Das ist natürlich nicht nur als einseitig zu verstehen, denn die Literaturszene hat auch in den letzten Jahren immer wieder lesenswerte Schmuckstücke hervorgebracht.

Jedoch hat das Ganze in den letzten Jahren eine ziemlich einseitige und klischeehafte Richtung eingeschlagen. Eine Geschichte gilt erst dann als interessant, wenn sie mindestens ein bis drei verschiedene Monsterrassen, Orcs, Zwerge und ein paar Drachen bietet. Die Helden in diesen Erzählungen sind entweder zu Beginn in ihrem Können bereits total überragend oder totale Luschen, die die erst einmal ihren Kinderstiefeln entwachsen müssen. Anschließend sind dann große Abenteuer im Land des „absolut Bösen“ zu bestehen – so weit, so berechenbar.

Mut zu Neuem

Genau hier setzt die bisher vierbändige Romanreihe „Die Feuerreiter ihrer Majestät“ an, die in Deutschland unter dem leider wenig originellen Namen „Drachenbrut –prinz –zorn und –glanz“ erschienen sind. Weitere Bände befinden sich bereits in Arbeit und eine Verfilmung ist derzeit auch in Diskussion. Das jetzt aber nur als Randbemerkung, da die Details sowie die wirkliche Beteiligung von Peter Jackson als Projektleiter / Regisseur noch in den Sternen stehen.

temeraire.jpg
Die vier bisher erschienenen Bände

Sieht man einmal vom wenig originellen Namen der Bücher ab, kann die Feuerreiter-Reihe aber mit echten Innovationen  aufwarten:
Die Handlung spielt nicht in einem fiktiven Königreich, sondern ganz konkret im alten England des 18. Jahrhunderts - genauer: zu Zeiten der Napoleonischen Kriege. William Laurence, seines Zeichens britischer Kapitän zur See, findet beim Aufbringen eines französischen Schiffs ein Drachen-Ei, dessen Inhalt noch auf dem Schiff schlüpft und ihn zu seinem neuen Lebenspartner erklärt. Originell: Drachen wie Laurence neuer Gefährte „Temeraire“ fungieren in diesem Roman als Pendant zur heutigen Luftwaffe und werden von allen Ländern der Welt für verschiedene Zwecke be- und genutzt. Jedoch werden Drachen in diesem Buch gegenüber einem Tier oder gar einer Maschine in Sachen Intelligenz zum Menschen mehr als ebenbürtig dargestellt, was einige erzählerische Möglichkeiten eröffnet und auch genutzt wurde.

Drachen an die Front 

Demzufolge entwickelt Temeraire all das, was man heute als den freien Willen kennt und bringt seinen "Captain" Laurence (und auch den Leser) durch seine völlig andere Mentalität in Sachen Besitz, Politik und Autorität des Öfteren zum Nachdenken. Allgemein wird Laurence und Temeraire’s Werdegang in „Die Feuerreiter ihrer Majestät“ sehr vielschichtig und facettenreich beschrieben. Laurence Leben, das nach seinem Wechsel von der Marine zur Luftwaffe eine Wende vollzieht, ist sehr glaubwürdig und lebendig erzählt. Der daraus resultierende Konflikt zwischen der bisherigen englischen Lebensweise sowie die damit verbundenen kulturelle Probleme werden mit vielen Seitenhieben garniert und gekonnt auf unsere heutige Zeit übertragen. Laurence erfährt auf harte Weise, wie sein bisher geplantes Leben mit zukünftiger Frau und Kindern einem schwarzen Drachen weichen muss – und warum daraus trotz der zerstörten Lebensplanung eine einzigartige und nie bereute Freundschaft entsteht.

Generell trägt auch die Figur des Drachen Temeraire große Anteile zum guten Eindruck des Buches bei. In seinen Dialogen und zahlreichen Interpretationen der heutigen Welt liegen viele kritische Gedanken aber auch augenzwinkernd humoristische Einlagen, was mitunter den größten Lesereiz dieser Buchreihe ausmacht. Erfrischend ist hierbei die Tatsache, dass man mit der Figur des Laurence einen normalen Menschen als Kontrastfigur geboten bekommt. Gerade diese eher menschliche Seite, gepaart mit offenbar gut recherchierten Fakten über England und die damalige Welt im Allgemeinen tragen dazu bei, dass sich „Die Feuerreiter-Reihe“ erstaunlich nüchtern und gleichzeitig faszinierend liest.

Mängel im Detail 

Natürlich hat auch diese Buchreihe ihre Schattenseiten. Naomi Novik zeigt zwar in jedem Band den roten Faden, verliert sich allerdings hin und wieder bei zahlreichen Dialogen und Beschreibungen in unwichtigen Details. Die Geschichte konzentriert sich bewusst stark auf die zwei Hauptfiguren, lässt aber trotz der vielen Dialoge andere Charaktere weitgehend flach und auswechselbar wirken. Das mag an der Tatsache liegen, dass sich die Autorin sehr oft nur auf oberflächliche Beschreibungen der Handlung und weniger auf das innere Gefühlsleben der Figuren einlässt. Es mag aber auch schlicht an der an der Tatsache liegen, dass eine mehrköpfige Drachen-Flugmannschaft nicht immer Inhaltlich so zur Geltung kommen kann, wie man sich es manchmal wünscht.

Trotz allem hat man hin und wieder hat das Gefühl, dass manche Bereiche zu knapp und dafür manch andere zu ausführlich beschrieben werden. Eine Abkehr von der eher statischen Erlebnis- hin zur wechselnden "allmächtigen" Erzählerperspektive sowie ein paar spannende Nebenstränge (z.B. aus Sicht des Widersachers Napoleon) hätten dem Buch sicherlich gut getan.

Fazit 

Trotz aller Kritik muss hier festgehalten werden: "Die Feuerreiter ihrer Majestät" ist ein gelungener Spagat zwischen historischem Real- und Fantasyroman. Die Abenteuer von Laurence und Temeraire sind spannend und lebhaft erzählt, Motive und Handlung sind logisch und stets nachvollziehbar. Handlung und Charaktere heben sich durch diese allgemein vorherrschende „Normalität“ sehr vom üblichen Fantasy-Einerlei ab. Wer also Fantasy-­Literatur mag und zudem mal etwas vollkommen anderes lesen will, dem seien diese Bücher wärmstens empfohlen.

 

Mehr Infos zur Buch-Reihe: http://www.temeraire.de

Hinweis: Diese Kritik bezieht sich auf die ersten vier Bände der Reihe. 

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